Nach drei Nächten im Gästehaus von François beschloss ich, die Natur ein wenig an mich heran zu lassen. Ich stand morgens früh auf, um vor der Mittagshitze Wasser und Essen für ein paar Tage zu besorgen. Getan war dies schnell, jedoch musste ich erst noch ein paar Bier trinken und ein Fussballspiel anschauen, bevor ich schliesslich abends mit meinen (immernoch viel zu vollbepacktem) Fahrrad losfahren konnte. Tage zuvor, bei meiner Ankunft in Sal Rei, hatte ich ganz in der Nähe einige schöne Dünen mit kleinem Wäldchen gesehen. Da wollte ich erstmal hin! Es stellt sich als unglaublicher Kraftakt heraus, das Fahrrad durch den Sand zu schieben. Das kleine Wäldchen entpuppt sich auch ziemlich schnell als stacheliges, trockenes Gebüsch. Doch das macht alles nichts, denn plötzlich ist er direkt vor mir. Mein Platz! Da kann man noch so lange umher laufen und schauen, ob es irgendwo schöner oder besser ist, wenn man ihn vor sich hat, dann ist das manchmal fast magisch.
Ich ziehe sofort ein!

Nachdem ich meine Hängematte aufgehängt, und mein Gepäck abgestellt habe, entzünde ich erstmal meine Kochstelle und einen kleinen, langen, dünnen Kräuterstängel, dessen Zutaten mir ein neuer Bekannter aus Sal Rei wärmstens empfohlen hatte.
Das Essen ist schnell fertig. Es gibt Thunfisch mit Reis! Und das am Strand! Kaum ist das Essen aufgegessen, ist es auch schon stockfinster. Ich vergaß total, wie schnell das hier in diesen Breiten gehen kann. Zum Glück hat mir meine liebe Freundin Anna aus Freiburg noch ein paar Teelichter mit auf den Weg gegeben.

Gemütlich schlafe ich mit sanfter Musik aus der Ferne und dem Rauschen des Ozeans ein. Was dann in der ersten Nacht geschah, ist nun schwer für mich genau wiederzugeben. Ich weiß nicht mehr so genau, was ich vielleicht nur geträumt hatte, außerdem ist es nicht bei diesem einen, kleinen, langen, dünnen Kreuterstängel geblieben. Es muss mitten in der Nacht gewesen sein, als ich aus dem Schlaf gerissen wurde, weil direkt neben mir etwas riesiges Geräusche machte! Dieses riesige Etwas schmatzte und stolperte durch die Gegend. Mein Teelicht war schon längst ausgegangen und ich konnte rein gar nichts sehen. Mir viel nur auf, wie kalt mir auf einmal war und dass ich aufs Klo musste. Bevor ich mir weitere Gedanken machen konnte war das riesige etwas weg. Ich entleerte meine Blase und verlagerte meinen Schlafplatz auf den warmen Boden. Ich schlief wieder ein.
Circa zwei Stunden später werde ich erneut aus dem Schlaf gerissen. Direkt neben mir wird geschriehen, wie verrückt. Jetzt weiß ich auch wer mein großer unbekannter Störenfried ist. Ich erkenne dieses Geräusch sofort. In Marokko, vor zwei Jahren, hörte und sah ich ihn jeden Tag. Es ist ein Esel. Meine Muskeln entspannen sich und ich sage dem Esel, er solle doch woanders rumschreien und dabei Leute vom Schlaf abhalten. Dieser grunzt noch zweimal und stapft dann durch die Dünen davon.
Morgens werde ich von der Sonne wachgekitzelt. Nun ja, eigentlich von den etlichen Fliegen, die auf meiner Nase rumkrabbeln. Da kann man sich hin und herdrehen wie man will, irgendwann ist man halt wach.

An diesem Morgen wird mir erst richtig bewusst, an was für einem schönen Platz ich gelandet bin. Ich setzte mich in die Hängematte und sehe vor mir das Meer mit ein paar vor Anker liegenden Segelbooten, hinter mir die Dünen und über mir ein Dach aus Himmel und ein paar Schatten spendenden Strauchbäumen, welche gerade groß genug sind um meine Hängematte zu tragen.


Die folgenden drei Tage ist nicht besonders viel passiert. Ich verbringe die Zeit hauptsächlich damit, in der Sonne zu liegen, Gitarre zu spielen, zu essen, Kaffee zu kochen, zu baden, aufs Meer zu schauen und zu schalfen. Ein faules Leben eben.
Jeden Morgen kommt ein Junge vorbei, um mit mir zu paludern. Er begrüßt mich jedes mal mit: „Fish! You sleep here?“ Er erzählt mir, dass er im Surfcamp arbeitet und hier in den Dünen das Meer und seine Wellen und die potentiellen Kunden gut im Blick hat. Zeit mit mir eine Weile zusammen zu sitzen hat er aber immer.
Am zweiten Tag fällt mir morgens auf, dass ich immer noch den Schlüssel zu Francois Gästehaus bei mir trage. Ich schnappe mir mein Fahrrad und radel schnell in den Ort zurück, bringe den Schlüssel zurück und besorge noch etwas Wasser. Auf dem Rückweg fällt mir auf, dass der Weg entlang dem Strand von der kommenden Flut, unbegehbar geworden ist. Zurück an meinem Platz merke ich auch, dass alle Strandspaziergänger nicht mehr am Strand laufen können. Haufenweise Touristen irren nun durch die verwinkelten Dünenlandschaft und kommen an meinem Lager vorbei. Eine ältere Frau hat mich doch dann tatsächlich gefragt, ob ich wüsste, wo es zum Strand geht. Ich nicke nur stumm in Richtung Meer, mit der Empfehlung es mal dort zu versuchen.
So vergingen die Tage schnell. Während der Ebbe war ich allein und sobald die Flut kam, war ich schnell ein bekanntes Gesicht für viele. Für manche aber war ich unsichtbar. Eines Nachmittags hat mir ein Mann fast gegen die Hängematte gepinkelt. Erst im letzten Moment und nach einem lautem Zischen von mir, wurde dem Mann klar was er tat und stolperte mit rotem Kopf davon. An einem anderen Tag saß ich im Sand und kochte Kaffee. Da sehe ich, dass gerade mal drei Meter entfernt ein Mann auf dem Boden hockt und..naja sagen wir mal seine sexuelle Lust los wird. Ich bleibe lieber mal ruhig um ihn eine peinliche Situation zu ersparen. In diesem Moment entdeckt er mich jedoch und beendet sein intimes Spiel sofort. Mit einem Grinsen und ein bisschen Mitleid sehe ich ihm nach, wie er durch den heißen Sand davonläuft um sich einen neuen Platz zu suchen.
Diese paar Tage so direkt am Meer habe ich einfach gebraucht um anzukommen. Wenn man direkt aus dem deutschen Winter hier in diese Kontrastlandschaft katapultiert wird, ist das gar nicht so einfach. Die ersten Tage begleitet mich ständig das Gefühl ich müsste noch etwas tun oder ich hätte etwas wichtiges vergessen. Dabei ist das gar nicht nötig. Das einzige, dass ich jetzt tun muss ist essen, trinken, schlafen, atmen und gelegentlich aufs Klo gehen. Doch das kann ich nicht so einfach von einen Tag auf den anderen verstehen. Nach drei ganzen Tagen verlasse ich meine Behausung und fahre abends zurück nach Sal Rei, um mich dort am nächsten Morgen, wie verabredet mit Max aus Freiburg zu treffen.







