Nachdem Max und ich unser Gepäck an Bord der Ana Carolina verstaut hatten, ging es keine fünf Minuten später auch schon los. Kapitän Enrique hatte es sehr eilig die Marina zu verlassen. Unsere erstes Ziel war die Insel São Nicolau. Wir hatten vor, dort einige Tage zu ankern um dann weiter nach Sal zu segeln, wo uns die Hälfte der Crew verlassen wird.
Enrique ist ein sehr interessanter und ebenso schwieriger Karakter. Er ist ungefähr 70 Jahre alt (das weiß niemand so genau) und kommt von der Insel Madeira aus Portugal. Aus seinen Erzählungen kann man schließen, dass er schon so ziemlich überall auf der Erde war. Zumindest die warmen Gebiete kennt er teilweise wie seine eigene Westentasche. Wenn man sein Boot betritt hat man schnell das Gefühl, nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern ein Zuhause zu betreten.
Der Salon wirkt einladend, die Küche wird benutzt, überall hängen Bilder und die Kabinen haben keine Türen sondern Vorhänge und das Deck blitzt nicht sondern ist Aufenthaltsort für Crewmitglieder und viele Gäste. Mitten im Salon steht ein großes altes Motorrad. Damit will Enrique eventuell in Brasilien das Land erkunden. Doch vorerst steht es eben neben dem Tisch und wird als Ablagefläche genutzt.
Wir tuckern gemütlich, heraus aus dem großem Naturhafen, aufs offene Meer. Es gibt Kaffee und erste Snacks. Die Stimmung ist gut und ich lerne die ersten Crewmitglieder besser kennen. Wir sind sieben Leute: Enrique, der Kapitän, Carolina, seine Freundin, Andrea, seine Tochter, Garapo, ein junger Mann von La Gomera, Rosalie, eine deutsche und Max und ich.
Etwa anderthalb Tage sind es bis nach São Nicolau. Der Kapitän macht uns mit den wichtigsten Dingen an Bord vertraut und nutzt die Zeit Max und mich ein wenig zu mustern. Die Wachschichten sind schnell eingeteilt und nach einer ruhigen Nacht können wir morgens auch schon wieder Land sehen. Nachmittags ankern wir vor dem kleinen Ort Tarrafal.
Man kann schon vom Boot aus erkennen, dass Tarrafal ein recht kleiner Ort ist. Der Anker ist schnell über Bord geworfen und wir quetschen uns zu siebt ins Dingi und paddeln sehr unkoordiniert an Land.
Der Sand ist schwarz und warm. Enrique will in Bootsnähe bleiben, um alles im Blick zu haben, doch Max und ich ziehen gleich mal los um den Ort zu erkunden. Rosalie begleitet uns und wir beschließen irgendwo Pizza zu essen…Ich bestelle mir gleich ein paar Bier und der Abend klingt ruhig aus.
Am nächsten Tag ist Arbeit für uns angesagt. Enrique hat sein ganzes Boot mit altem Plunder aus Portugal vollgestopft und will diesen hier den einheimischen Familien schenken. Etwa zwei Stunden schaffen Max und ich Kinderspielzeug, Schuhe und Klamotten aus den Kabinen an Deck.
Es nimmt kein Ende. Als schließlich der letzte Winkel des Bootes leergeräumt ist liegt alles an Deck und im Salon und wartet darauf an Land gebracht zu werden.
Vorher wird allerdings noch alles schön sortiert. Max und ich lassen es uns es nicht nehmen, kurz unseren Spaß mit den Kinderspielsachen zu haben..In sechs Fuhren bringen wir alles an Land. Kinder rennen uns aufgeregt entgegen und fangen schon an im Dingi zu wühlen, bevor das Boot richtig an Land ist. Nun heisst es schnell handeln. Die Kinder zerren wie Wild an den ganzen Sachen, doch wir bringen alles zu einen der ältesten Männer im Dorf. Dieser soll die Sachen dann einigermaßen gerecht verteilen.
Die folgenden Tage auf der Insel begleiten mich mit sehr gemischten Gefühlen. Wir entspannen viel und sind ständig bei diversen Familien zum Essen eingeladen. Es ist sehr schön einen so tiefen Einblick in das Leben der Einheimischen zu bekommen, doch ich habe so meine Probleme mit dem Kapitän. Immer mehr habe ich das Gefühl, dass er den ganzen alten Plunder nur aus Eigennutz mit auf die Insel gebracht hat. Er kommandiert alle und jeden herum und lässt sich von vorne bis hinten bewirten. Ab und zu lässt er mal eine Flasche Wein springen, doch die leert er dann meistens selbst. Lass den Kaptain Kaptain sein, flüstert mir seine Freundin eines Abends ins Ohr. Ich grinse und versuche von nun an nicht mehr so viel darüber nachzudenken. Wenigstens redet er gut über die Familien und bringt seine Crew richtig Nahe an die Menschen heran. Eines Tages gerate ich allerdings doch ziemlich mit ihm aneinander und hatte sogar kurz den Gedanken, das Boot wieder zu verlassen. Er warf mir vor, und damit hatte er Recht, ich würde ihn nicht respektieren. Die restliche Zeit auf São Nicolau, reden wir kaum miteinander. Doch schließlich hatten wir beide genug geschmollt und auf der Fahrt nach Sal machten wir auch schon wieder die ersten Witzchen.
„Don’t turn around!“ zischt uns Enrique zu und wir bewegen uns alle unauffällig in Richtung Strand und lassen die feiernden Leute alleine. Es ist der letzte Abend auf São Nicolau und wir wollen ohne großen Abschied verschwinden. Betrunken fällt der Kapitän ins Dingi und wir haben eine spaßige und recht abenteuerliche Fahrt zurück zum Boot. Wir gehen alle noch einmal baden und bewundern das Meeresleuchten, das hier besonders gut zu beobachten ist.
Am nächsten Tag soll es am frühen Mittag losgehen. Auf der Fahrt nach Sal wird unsere Crew eine Person mehr zählen. In Tarrafal haben wir einen 16 jährigen Jungen kennengelernt, der noch nie in seinem Leben seine Insel verlassen hat.
Enrique hat sich bereiterklärt ihn mit nach Sal zu nehmen, wo auch seine große Schwester wohnt. Noch schnell am Fischereihafen vorbei um Diesel zu tanken und dann stechen wir mittags um zwölf in See. Der Arme Junge Keliandro. Mit einem leuchten in den Augen sieht er seiner Insel hinterher, doch schon bald setzt bei ihm die Seekrankheit ein. Die ganze Nacht liegt er zusammengekauert an Deck und muss sich oft übergeben. Doch tapfer hält er durch. Als wir am nächsten Tag Palmeira anlaufen ist sein Gesicht zwar noch blaß, doch seine Augen leuchten wieder..
In mir werden plötzlich Erinnerungen wach. Ich war an diesem Ort schon mal. Als Arne und ich damals von den Franzosen von Bord geworfen wurden, war Palmeira der Ort, an dem sie uns ausgesetzt hatten. Damals hingen wir zwei Wochen mit unseren Hängematten direkt am Strand zwischen den kleinen Bäumen und ließen die Tage verstreichen. Jetzt, zwei Jahre später lande ich wieder in diesem eingeschlafenen Örtchen und freue mich, dass sich hier rein gar nichts verändert hat. Wir setzen uns vor die nächstbeste Bar und trinken (die einen mehr, die anderen weniger) Landungsbiere.
Ich mag diesen Ort. Es ist ruhig und gemütlich. Die Leute wirken zufrieden, ganz so als ob hier die Welt richtig in Ordnung ist. Die Stimmung in unserer Crew ändert sich jetzt jedoch plötzlich. Für Garapo, Andrea und Carolina ist hier auf Sal die Fahrt zu Ende. Am kommenden Tag geht der Flieger nach Teneriffa und die drei kehren zurück in ihren Alltag. Carolina überlegt hin und her, ob sie nicht doch mit nach Brasilien fahren soll. Fast stündlich ändert sie ihre Meinung. Auch Garapo merkt man an, dass er eigentlich nicht zurück nach Hause will, sondern sehr bereit für ein weiteres Abenteuer wäre. Doch der Tag der Abreise kommt und alle verschwinden in einem „Aluguer“ zum Flughafen. Jetzt sind es nur noch Max, Enrique, Rosalie und ich, die übrig sind und der Tag der Abreise nach Brasilien ist sehr Nahe…
- Die Ana Carolina
- Ja, ein Motarrad ist auch dabei
- Kapitän Henrique
- Ana Carolina
- Andrea
- Garapo
- Rosalie
- Max und ich
- Ankerbucht vor Tarrafal
- Wir bringen Sachen an Land
- Das erste Mal auf Reise
- Landungsbier
- Carolina und Andrea abends auf dem Boot
- …;-)
- Ankerbucht vor Palmeira
- Kiliandro
- Garapo soll auch mit nach Brasilien…

































