Auf nach Brasilien! – Zwei Wochen blau

 

DCIM100GOPROEs ist der 21. Februar 2015 und morgen wird in See gestochen. Das Ziel ist noch ungewiss, doch es soll am Ende nach Brasilien gehen. Wir könnten doch noch einen kleinen Abstecher in den Senegal machen, wenn wir schon so nah an der Küste von Afrika sind. Die Idee kam dem Kapitän am Vorabend bei ein paar Bierchen mit uns, seiner neuen Crew. Warum eigentlich nicht? Wenn man schon mal da ist. So leicht kommt man bestimmt nicht mehr mal eben nach Afrika. Heute ist jedoch viel Arbeit angesagt. Wir müssen noch ein paar Vorräte einkaufen und viel Wasser besorgen. Der Kapitän ist ein bisschen nervös und ändert alle halbe Stunde seine Pläne. Ich bin das jedoch mittlerweile gewöhnt und bleibe gelassen. IMGP9205Rosalie ist die Anspannung umso mehr ins Gesicht geschrieben. Alle paar Minuten fragt sie mich, ob wir auch ankommen werden oder ob ich glaube dass das Boot die Fahrt bis nach Brasilien aushalten wird. Ich kann ihr das nicht übel nehmen, schließlich ist es doch ein recht großes Abenteuer, den Atlantik mit einem Segelboot zu überqueren; noch dazu mit solch einem Typ von Kapitän. Ich erinnere mich, dass ich kurz vor der Abfahrt vor zwei Jahren auch ziemlich nervös gewesen war. Es kann ja schließlich alles Mögliche passieren, so denkt der Laie und hat schon ein wenig Angst. Vor allem, wenn der P1030063Kapitän ein wenig verrückt zu sein scheint. Allerdings sind nach meinen jetzigen Erfahrungen die meisten Kapitäne auf ihre Weise ein wenig verrückt.

Ziemlich ruhig war Max. Mich wunderte das ein bisschen, denn schließlich wird es auch sein erstes Mal sein. Entweder er konnte seine Anspannung ziemlich gut verbergen, oder er ist einfach einer dieser Typen, die den Ereignissen gelassen entgegen schauen. Hut ab!

Das Wasser muss in Kanistern von Land ins Dingi und von dort in den großen Tank der Ana Carolina befördert werden. Das ist mein Job. Ich bin ziemlich froh darum, so bin ich den ganzen Vormittag IMGP8989beschäftigt und kann mich beruhigt von dem Stress der kurz vor der Abreise auftauchen könnte entziehen. Ich lasse mir viel Zeit und bringe Fuhre für Fuhre an Bord. Als ich fertig bin, ist auch alles andere schon so gut wie fertig. Die letzten Klamotten hängen noch zum trocknen zwischen den Masten und das Deck blitzt sogar ein bisschen. Max und ich verstauen die letzten Vorräte und entspannen den restlichen Tag. Der Kapitän ist unterwegs und Rosalie irgendwo an Land. Eigentlich könnten wir jetzt das Boot klauen. Wir witzeln noch eine wenig und machen den ein oder anderen Stängel an.

Eine Reise mit dem Segelboot  über den Atlantik auf einen anderen Kontinent ist eigentlich ziemlich langweilig. Man legt ab, sieht noch eine Weile Land, sieht dann ganz lange kein Land, bis man schließlich irgendwann wieder Land sieht und dort dann anlegt. zwischendrin sieht man hauptsächlich blau und vielleicht mal den ein oder anderen Fisch. Doch trotzdem ist es ein Erlebnis, was man nie vergessen wird. Ist man erst einmal auf dem offenen Meer und hat das Land so weit hinter sich gebracht, dass man es nicht mehr sieht, ist das Boot plötzlich das einzige was einem vom Tod und dem Leben trennt. Allein diese Vorstellung ist für die meisten Menschen schon zu viel. Klar, in einem Flugzeug ist das auch so, allerdings nur ca. acht Stunden lang und dann ist man wieder im sicheren Hafen. Für mich wäre das viel zu kurz zum Nachdenken. Auf einem IMGP9354Segelboot wacht man jeden Morgen auf und merkt, dass man mitten auf den Atlantik ist, dass überall nur Wasser ist, dass man nie im Leben bis an Land schwimmen kann, dass unter einem ungefähr vier Kilometer Wasser sind, dass hier zwar Milliarden von Tieren wohnen, man selbst aber sehr bald tot wäre, würde man das Boot verlassen und das die Menschen die mit einem an Bord sind die einzigen Freunde sind, die man gerade hat und man mit diesen die nächsten zwei Wochen auskommen muss. Unter diesem Aspekt ist eine Atlantiküberquerung plötzlich nicht mehr langweilig, sondern eine Erfahrung, welche nur die wenigsten Menschen in ihrem langen Leben machen werden. Ich segel jetzt schon zum zweiten mal rüber und es ist schon von Anfang an total anders als beim ersten mal. Klar, das Meer ist immer noch blau und es gibt immer noch nicht sonderlich viel zu sehen aber die Menschen sind anders. Sind die Menschen anders, bin auch ich anders. Bin ich anders, mache ich auch andere Erfahrungen. Ich versuche dir jetzt zu erzählen, was ich alles in diesen 16 Tagen auf meinem zu Hause, der Ana Carolina erlebt habe.

 

P1030408Man sollte Kinder lehren ohne Netz auf einem Seil zu tanzen

bei Nacht allein unter freiem Himmel zu schlafen

in einem Kahn auf das offene Meer hinauszurudern

Man sollte sie lehren

sich Luftschlösser statt Eigenheime zu erträumen

nirgendwo sonst als nur im Leben zu Hause zu sein

und in sich selbst Geborgenheit zu finden

H.H. Dreiske

 

Wir haben am 22. Februar mittags den Anker gelichtet und sind gemütlich aus der Ankerbucht vor Palmeira getuckert. Vorbei ging es an einem spanischem Segelboot, dessen Crew am Abend vorher noch feuchtfröhlich bei uns im Saloon gesessen hatte, und bei der großen Hafenmauer. Ich steuerte das Boot, während Max und Henrique den Anker verstauten. Jetzt gibt es gleich kein zurück mehr, dachte ich. Meine größte Sorge war, das Zusammenleben mit Henrique. Ich hatte ihn jetzt schon recht gut kennen lernen können und wusste, dass er manchmal recht schwierig sein kann. Ich vertraute darauf, dass auch er an einem harmonischem Zusammenleben interessiert sei. Außerdem, war seine Stimmung, seit seine Tochter und seine Freundin abgereist waren deutlich entspannter und freundlicher. Ich blieb gelassen.

Gegen Nachmittag verschwand das Land und wir waren allein. Allein mit uns, dem Boot und dem Ozean. Klar, auf dem Plot konnte man Sal und auch die umliegenden Inseln noch sehen, doch was das Auge nicht sieht, macht nicht piep. Piep machte es dann doch. In der Nacht meldete sich der Ploter. Wir passierten Santiago. Sehr nahe fuhren wir an der P1030103Hauptinsel vorbei und am Morgen konnten wir noch letzte Blicke auf Kap Verdisches Land werfen, bevor es dann entgültig auf das offene Meer hinaus ging. „Now, we are free!“, sagte der Kapitän und wir waren alle sehr euphorisch. Nun war es an der Zeit festzulegen, wann wer Wachschicht haben wird. Max machte den Anfang und verbrachte die ersten drei Stunden am Steuer und beobachtete den Horizont. Sehr viel muss man da nicht machen. Wenn man erst einmal weg von der Küste ist, begegnet man nur äußerst selten irgendwelchen anderen Schiffen. Schon gar nicht zu dieser Zeit. Wir waren so ziemlich die letzten in der Saison, die sich aufmachten den Atlantik zu überqueren und große Frachter haben einen ja eh rechtzeitig auf dem Schirm. Trotzdem. Sicher ist sicher. Es dauerte noch ein paar Tage, bis sich ein regelmäßiger Rhythmus der Wachschichten eingependelt hatte. Hauptsächlich, weil Henrique gern mal alles besprochene wieder über Bord warf. Mir war das egal. Man hat ja sowieso nichts zu tun, außer essen, trinken, schlafen und eben ab und zu nach  Schiffen zu gucken, die nicht da sind. Nach ein paar Tagen konnte ich auch nachts entspannt während meiner Schicht vor mich hindösen. Ich war so auf die Geräusche getrimmt, dass ich sofort wach wurde, wenn sich etwas am Wind oder an Bord änderte. Das tat es aber selten. Auch andere Schiffe existierten quasi nur theoretisch. Während unserer ganzen Überquerung sahen wir außer in der direkten Nähe zum Festland nur zwei Frachter und kein einziges anderes Segelboot. Wenn man mal bedenkt wie riesig der Atlantik ist wundert das nicht.IMGP9458

Ich verbrachte viel Zeit mit lesen und in der Sonne liegen. Auch hatte ich schnell einen Lieblingsplatz zum Gitarre spielen. Ganz vorne am Bug hatte man eine schöne Sicht zum träumen und ich war dort ziemlich ungestört. Nicht dass einen mitten auf dem Atlantik viel stören könnte, aber die Ansprüche ändern sich eben auch. Es wurde immer heißer. Jeden Tag kamen wir dem Äquator ein Stückchen näher und somit auch dem Sommer. Ohne regelmäßige Abkühlung wäre das nicht zu ertragen gewesen, weshalb wir auch, die eine täglich, der andere stündlich eine Dusche im Heck des Bootes nahmen. Dort gab es einen Eimer und ein Tau, die klassische Salzwasserdusche eben.Ab und zu gönnten wir uns auch ein wenig Shampoo oder eine paar Tassen Süßwasser zum nachspülen und sofort war man wieder frisch und lebendig. Da kommt doch gleich Hunger auf!P1030297

Wir hatten ständig eine Angelschnur hinten im Wasser hängen. Besser gesagt, war es fast mehr ein Seil als eine Schnur, denn die großen Thunfische oder Doraden können ziemlich schwer und kräftig sein. Fast täglich ziehen wir eine Dorade aus dem Wasser und ich bestaune die portugiesische Art Fische zu töten. Faust drauf und fertig. P1030174Frisch gegrillt oder gebacken genießen wir alle die frische Beute. Alle außer Max. Der isst leider nicht so gerne Fisch, ziemlich ärgerlich, wenn man mitten auf dem Ozean ist. Das macht aber nichts, denn in jedem Winkel des Bootes ist Nahrung verstaut. Hinter jeder Klappe und unter jeder Bodenlucke finden sich haufenweise Reis, Nudeln und Konserven. Dieser Vorrat an Nahrungsmitteln könnte für mehrere Monate reichen. Komisch, dass Henrique plötzlich anfängt sich Sorgen über die Vorräte zu machen. Es geht soweit, dass sich plötzlich niemand mehr traut entspannt zu kochen. Henriques Argumentationen sind schwer nachvollziehbar, doch Max findet schnell heraus, dass man einfach nur warten muss bis der Kapitän gut gelaunt ist, ein wenig Musik auflegt und schon hat man freie Hand für die Zubereitung des Wunschgerichts. Menschen sind so seltsam und doch so interessant.

Wir machten es uns so schön wie nur möglich. Anfangs noch mit „Boxi“ IMGP9643(Max kleiner Musikbox) und später mit einer kleinen Hifi Anlage aus den Tiefen des Bootes konnten wir viel gute Musik genießen. Dazu die regelmäßigen Erfrischungen im Heck und ab und zu ein Glas Rum! Manchmal lauschten wir gespannt und amüsiert den Geschichten von Henrique oder philosophierten einfach über Gott und die Welt und machten Blödsinn. Da man an Bord recht viel sitzt und rumliegt, hatte ich ab und zu Bewegungsmangel. Eine kleine Tanzeinlage zu der guten Musik von Max und zusammen mit den Bewegungen des Bootes schuf da gerne Abhilfe. So verbrachten wir Stunde um Stunde und Tag für Tag..

 

 

 

IMGP9639Doch dann änderte sich plötzlich die Stimmung. Der Wind nahm stetig ab und sogar die Farbe des Ozeans schien sich zu verändern. Es war richtig heiß geworden und die Luft schien, sogar an Deck, zu stehen. Ich glaube wir waren alle ein P1030433bisschen aufgeregt. Wir näherten uns dem Äquator und ich hielt Ausschau. Nach was, das wusste ich auch nicht so genau, den Äquator kann man schließlich nicht sehen, wie eine feine rote Linie auf einer Karte. Aber trotzdem suchte ich den Horizont ab. Der Plotter sagte uns, dass es nur noch ein paar Meilen bis „0“ sind. Noch eine Meile. Noch ein paar Hundert Meter. Plötzlich stoppte Henrique den Motor, den wir die letzten 48 Stunden permanent laufen gelassen hatten. Am Äquator gibt es immer eine Flautenzone. Diese kann eine paar wenige bis eine paar Hundert Seemeilen breit sein. Das weiß man nie so genau. Entweder man dümpelt dann auf der flachen See herum oder man tuckert gemütlich mit laufenden Motor hindurch, bis auf der Südhalbkugel der Wind wieder einsetzt. Wir tuckerten schon seit zwei Tagen und ich war froh dass der Motor endlich mal aus war, sehr leise war dieser nämlich nicht gerade. Wir kamen zum stehen. Das Boot schaukelte hin und her und die kleinen Wellen, welche nur noch ca. 10 Zentimeter hoch waren machten lustige Gluckergeräusche am Rumpf. Es war absolut Windstill und der Ozean sah aus, als ob er mit einer riesigen Frischhaltefolie abgedeckt wäre.Auch der Himmel sah völlig verändert aus. Um uns herum waren plötzlich die unterschiedlichsten Wolken, in allen Farben und Formen. Wir sind jetzt genau auf dem Äquator. Wir warten nicht lange, sondern springen alle ins Wasser. Es ist fantastisch,P1030372 nach so vielen Tagen, mal das Boot für ein paar Minuten verlassen zu können, außerdem lassen wir es uns nicht nehmen, ein kleines Bad in der Mitte der Welt zu nehmen. Man sagt, man muss unter dem Äquator durchtauchen um ein echter Mann zu werden. Ich tauch wie ein blöder und fühle mich sehr männlich.

Nachdem alle genug Badespaβ hatten geht es weiter. Die Maschine wird wieder angeworfen und wir tuckern weiter in Richtung Süden. Mittlerweile ist auch relativ sicher, dass wir Recife anlaufen werden. Es ist nicht mehr lange bis nach Brasilien und Ankommensstimmung macht sich breit. Ich merke, dass Henrique ungeduldig wird. Auch er will endlich ankommen. „Dann bin ich euch endlich alle los“, sagt er P1030556und zieht genüsslich an einer seiner letzten Zigaretten. Max und ich fangen an wie wild Pläne zu schmieden, was wir dann in Brasilien alles machen werden und vor allem wo wir hin wollen. Ihn zieht es in den Süden Richtung Argentinien, wohingegen ich eher Richtung Norden aufbrechen möchte. Das heißt dann wohl voneinander Abschied nehmen. „Wir hängen aber schon noch ne Weile miteinander rum“, beschließen wir und können es nun auch nicht mehr lassen,den Horizont nach Land abzusuchen. Und da ist es auch. Ganz leicht kann man es sehen. „Gottes kleiner Finger“ ist undeutlich am Horizont zu erkennen. Es sind zwar nur die Inseln von Noronha, die wir da am Horizont sehen, doch es ist Land! Wir fahren sehr dicht an den Inseln vorbei um möglichst viel sehen zu können.Wir schnuppern alle ein bisschen nach „Landluft“ und freuen uns bald da zu sein. Anlegen können wir dort leider nicht. Zwar sollen die Inseln sehr schön sein, doch es ist Nationalpark und allein das ankern kostet ein Haufen Geld. Wir haben also noch ein bisschen Geduld und segeln weitere zwei Tage in Richtung Recife. Am Morgen des 9. Märzes ist es soweit. Endlich kann man einen feinen Landstrich am Horizont erkennen. Zirka eine Stunde später kann man das Land auch plötzlich riechen. Ich freue mich und verbringe die meiste Zeit auf meinem Lieblingsplatz und schaue zu, wie die Hochhäuser am Horizont immer größer werden. Plötzlich ist Vorsicht angesagt. Überall um uns herum treibt Müll im Wasser. Teilweise auch Baumstämme und andere große Gegenstände. Kein sehr schönes Willkommensgeschenk. Das ist der Mensch. Bald sind wir wieder unter Menschen.

Als wir auf die Marina zusteuern machen Max und ich einen Witz am andern. Wir sind euphorisch und können es insgeheim IMGP9948kaum noch erwarten das Boot endlich verlassen zu können. Henrique hat mir angeboten noch einige Wochen oder sogar Monate bei ihm an Bord zu bleiben. Er versuchte mich sogar damit zu locken, dass er IMGP9958alles für mich zahlen würde, doch ich weiß, dass er nur jemanden braucht, der mit ihm zusammen, das Boot wieder auf Vordermann bringt. An Bord ist fast alles kaputt. Vor allem die komplette Elektronik muss dringend erneuert werden. Doch ich habe keine Lust. Ich will den Kontinent entdecken und mich nicht Tag ein und Tag aus von einem launischen Kapitän herumkommandieren lassen. Max und ich setzen uns direkt ab, in die Stadt und essen so viel wir nur können und noch viel mehr! Max hat leuchtende Augen. „Das ist das reine Fressparadies!“ Wir lassen es uns stundenlang gut gehen und kehren erst nachts zum Boot zurück. „Lass uns morgen abhauen..“ Wir beschließen erst einmal in das Nahe gelegene Olinda zu fahren um dort zu relaxen und zu schauen, wie es weiter gehen wird. Am nächsten Tag verlassen Max und ich das Boot. Rosalie kommt auch mit, denn auch sie will endlich runter von diesem Kahn…IMGP9950

 

 

 

 

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