Kicker aus Metall und gutes Essen

Ich sitze gerade in einer Bar am Meer und denke darüber nach, was die letzte Woche alles passiert ist.Eigentlich könnte ich hier die Seiten füllen, es ist aber alles noch viel zu frisch. Vor genau einer Woche ist Max hier angekommen. Wir haben in dieser Zeit schon viel zusammen erlebt und uns besser kennen gelernt. Viel Zeit verbrachten wir bei Francois im Hotel.

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Bei Francois

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Gabriel

Es ist ein sehr entspannter Ort, an dem man immer nette Leute kennenlernt und wo immer gute Musik läuft. Dort traf ich auch Gabriel, einen Franzosen, der zusammen mit seinem Akkordeon auf Reise ist. Über Gabriel sind wir auch an den Kapitain Jean- Louis geraten, welcher uns morgen auf sein Segelboot eingeladen hat, und nach einer geplanten Bootsparty nach Santiago mitnimmt. Meine Pläne haben sich natürlich mal wieder leicht geändert. Das Projekt Bootsüberführung ist leider gestorben. Mein jetzt ehemaliger Partner hat sich letzte Woche bei mir gemeldet und verkündet, dass er keine Hoffnung mehr hat, dass er das Segelboot, welches wir überführen sollten, repariert bekommt. Schade eigentlich, ich hatte mich schon ziemlich darauf gefreut, quasi auf eigene Faust nach Brasilien und dann die Küste entlang in die Karibik zu segeln. Jetzt kommt mir das auch plötzlich ziemlich absurd und irreal vor. Fast so, als ob ich das alles geträumt hätte, schließlich habe ich den Schweden nie persönlich getroffen. Jetzt bin ich aber hier auf Boa Vista und wie ihr euch denken könnt, fliege ich jetzt nicht einfach nach Deutschland zurück. Vorher mache ich noch ein paar Abstecher. Mein erster Abstecher führt mich wieder auf den südamerikanischen Kontinent, denn ich habe vor, nun eben per Anhalter, nach Brasilien zu segeln. Da dies vor zwei Jahren ohne größere Umstände geklappt hat, sehe ich diesem Unternehmen recht gelassen entgegen. Vielleicht ist jetzt auch ein guter Zeitpunkt zu erwähnen, dass ich kein Fahrrad mehr habe. In den letzten zwei Wochen war mein Drahtesel und das mit ihm verbundene viele Gepäck, eher eine Last als ein Segen. Ich war sehr unflexibel und musste ständig ein Auge auf mein Hab und Gut haben. Der Gedanke, mein Fahrrad zu verkaufen schlich sich also ein. Ich fragte einen Mann, ich nenne ihn immer den „Hosenmann“, da er jetzt immer eine Jeans von mir trägt, die ich ihm später geschenkt habe, ob er wüsste wie ich es anstellen könnte, hier mein Fahrrad zu verkaufen. Am nächsten Tag stand er plötzlich mit 80€ vor mir und meinte er habe einen Käufer gefunden. Da es hier viele „Chinese- Shops“ gibt, welche neue Fahrräder für circa 100€ anbieten, fand ich diesen Preis fair und willigte spontan ein. Das ging alles sehr schnell, aber jetzt ist es halt so und ich fühle mich schon erstaunlich viel freier. Ich fing sofort an auch mein Gepäck zu dezimieren. Circa die Hälfte bin ich schon losgeworden und einige Einheimische freuen sich jetzt über neue Klamotten und auch Werkzeug, welches ich jetzt natürlich nicht mehr brauchen werde. Ich freue mich jedesmal, wenn plötzlich irgendwo in der Stadt mein Fahrrad an mir vorbei fährt oder ich den Hosenmann mit meinem alten gestreiften T-Shirt rumlaufen sehe.

Eine Frage, die sich mir und auch Max auftat, war: „Wo kann man hier gut essen?“ Selber kochen kommt oft nicht in Frage, da man sich dafür erst einen geeigneten Platz suchen muss, außerdem ist es nicht so leicht an gute und günstige Kochzutaten zu kommen. Ich habe das Gefühl, dass das Essen hier nicht so öffentlich zelebriert wird, wie in andern Kulturen. Es ist daher nicht so einfach es sich bei den Einheimischen abzuschauen.  Natürlich gibt es hier sehr viele Restaurants und Snack Bars, diese sind jedoch meist relativ teuer und daher nicht für den täglichen Hunger geeignet. Man muss schon ziemlich lange suchen um „die echten“ Orte zum Essen zu finden. Der Franzose Gabriel führt uns zu einer total versteckten Ecke, wo eine afrikanische „Mama“ täglich Essen für alle zubereitet. Es gibt eben dann das was es gibt und davon reichlich. Einen riesigen Napf, oft Reis mit Gemüse oder auch Fleisch – Ein Gedicht!DSC07283

Direkt nach dem Essen lernten wir Artur, einen jungen Mann von hier kennen. Er lädt uns zu sich nach Hause ein und führt uns tief in die „Baracks“, einen Stadtteil von Sal Rei. Die Baracks sind eng zusammengepferchten Hütten, provisorisch zusammengezimmert und teilweise ohne Dächer. Die Straßen und Gassen sind buckelige Lehmpisten, welche aber hart sind, wie Beton. Allgegenwärtig ist das Surren der Stromgeneratoren und der Geruch von Feuerstellen.IMG_6117 Hier findet das Leben auf der Straße statt! Überall ist Musik, und überall sind Menschen. Touristen trifft man hier keine. Dies ist einer von den Orten, welcher in keinem Reiseführer erwähnt wird, und falls doch, wird geraten sich davon fern zu halten. Nach ein paar Minuten der Eingewöhnung fühle ich mich hier aber ziemlich wohl. Außerdem haben wir ja Artur dabei, der ja schließlich hier wohnt. Ab diesen Tag an gehen Max und ich fast täglich, ein- oder auch zweimal in die Baracks zum Essen. Abends ist dieser Ort besonders magisch. Überall lodern Grillstellen und das elektrische Licht flackert, da die Stromversorgung recht primitiv ist. Es ist fast so, als ob die Straßen brennen würden. Der Geruch von gegrilltem Fleisch und anderen Köstlichkeiten, gemischt mit dem Geruch von Staub und Dieselabgasen liegt überall in der Luft. Nach dem Essen laufen wir meist zielstrebig zu einem großen Platz. Hier stehen mindestens zehn Tischkicker (in Kreol: Babyfoot) und das „klong klong“ der Steinbälle auf die Kickermännchen aus Metall, ist schon aus der Ferne zu hören. Hier haben wir uns schon einige spannende Matches mit den eingeborenen Jugendlichen geliefert. Meine IMG_6118Kneipenkickererfahrungen aus Deutschland helfen mir hier allerdings nur bedingt. Die Kicker hier sind aus Metall und daher sehr schwer. Die Spieltechnicken der Einheimischen sind für mich undurchschaubar und auch willkürlich. Das macht aber nichts, denn Punkte gezählt werden hier keine. Mittlerweile sind Max und ich bekannte Gesichter in den Baracks. Wir haben mittlerweile eine Art Stammecke, wo wir immer unser Essen bekommen. Ich fühle mich gut. An unserem ersten Tag in den Baracks standen wir auf dem großen „Kickerplatz“ Plötzlich werden ohne Vorwarnung, unter lautem Gerufe und viel Umhergerenne duzende Pickups mit Menschen vollgestopft, welche dann mit viel Gehupe davon fahren. Man erklärt uns, dass eben der Präsident von Neuguinea die Insel besuche und dass es sich viele nicht entgehen lassen wollen ihn zu empfangen. Wir waren erstaunt, dass die Nachricht dieses Ereignisses von einer Minute auf die andere in die Baracks gelangt ist, und wie schnell plötzlich 100 Menschen wegfahren können. Der Platz war deutlich leerer geworden und Artur meinte nur, der Präsident interessiere ihn nicht. Eine halbe Stunde später kamen die ganzen Pickups mit den ganzen Menschen, mit noch mehr Gehupe und Jubel zurück. Vom Präsidenten sah man allerdings nirgends etwas. Mich hätte auch gewundert, wenn er bis in die Baracks gekommen wäre.

Ob es in dieseIMG_0195m Stadtteil auch gefährlich sein kann weiß ich nicht. Für mich wirkt hier alles sehr friedlich und familiär. Belebt ist es allemal mehr als bei uns, aber das ist ja schließlich nicht das selbe wie gefährlich. Wenn man nicht viel bei sich trägt, hat man meiner Meinung nach nichts zu befürchten. Gesten Abend hielt jedoch ohne Vorwarnung ein dicker schwarzer Geländewagen, gefolgt von einer ebenso dicken Staubwolke, direkt neben uns an. Zwei maskierte Männer mit Maschinenpistole am Anschlag sprangen heraus und forderten uns auf, mit dem Gesicht an die Wand zu stehen. Mir war plötzlich eiskalt, bevor mir klar wurde, dass es sich um Polizisten handelte. Diese checkten dann nur kurz unsere Hosentaschen und ließen uns weiter ziehen. Warum die Polizei hier so schwer bewaffnet unterwegs ist bleibt mir ein Rätsel. Bisher hatte ich die Polizisten auf den Kap Verden, wie jeden anderen Menschen, als ruhig und gelassen erlebt. „No Stress“ eben.

Mittlerweile sitze ich wieder im gemütlichen Innenhof bei François und kann kaum noch etwas sehen. Die Sonne ist bereits untergegangen und hier ist es dann bekanntlich sehr schnell dunkel. Eine kleine Fackel gibt mir jedoch noch ein bischen Licht. Heute ist Montag. Vor genau zwei Wochen bin ich hier angekommen. Es kommt mir aber eher vor wie zwei Monate. Wenn ich mal die Ruhe finde, werde ich einen Artikel über den Verlauf der Reisezeit schreiben. Diese verläuft definitiv in anderen Linien als die Alltagszeit, wie wir sie alle kennen. Mich würde jetzt interessieren was Albert Einstein dazu zu sagen hätte. Vielleicht altert man langsamer, wenn man viel auf Reise ist..

P1010503Ich werde jetzt bald aufbrechen. An einem nahegelegenen Strand ist heute eine legendäre Reggae- Party, zu der Max und ich jetzt schon mehrfach eingeladen wurden. Ob Max mich begleiten wird, weiß ich allerdings noch nicht, denn dieser liegt gerade im Bett und leidet an der Reisekrankheit Nummer eins…

 

3 Gedanken zu “Kicker aus Metall und gutes Essen

  1. Kein Fahrrad mehr? Schade schade 😉
    Vielleicht packts dich ja in Südamerika wieder…und lern mal kickern
    Krumme Krüße aus dem kalten Karlsruhe, auch an den Hosenmann.

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